Teil 1 — Die Speicheldrüsen
Speichel enthält Wasser, Elektrolyte und Enzyme. Er erleichtert den Schluckvorgang, hilft bei der Zerkleinerung von Nahrungsbestandteilen, remineralisiert den Zahnschmelz und ist eine wichtige Abwehrstation für über den Mund eindringende Krankheitserreger. Produziert wird der Speichel in den Speicheldrüsen, welche sich in kleine und große Speicheldrüsen einteilen lassen. Allen gemeinsam ist, dass sie einen Ausführungsgang in die Mundhöhle haben. Die großen Speicheldrüsen sind paarig angelegt. Von diesen gibt es jeweils drei Stück pro Seite. Sie sind eigenständige Organe (Ohrspeicheldrüse, Unterkieferspeicheldrüse und Unterzungenspeicheldrüse). Die kleinen Speicheldrüsen finden sich in großer Anzahl in der Mundschleimhaut eingebettet. Bei Speicheldrüsenerkrankungen kommt es häufig zu lästigen Störungen der Speichelproduktion.
Eine ganze Reihe von Erkrankungen kann die Speicheldrüsen betreffen. Zu diesen zählen unter anderem:
- Speicheldrüsenentzündung
- Speicheldrüsenstein
- Speicheldrüsentumor
- Nicht-entzündliche Speicheldrüsenschwellung
- Verminderte Speichelproduktion (Xerostomie)
Mögliche Symptome können je nach Erkrankung von plötzlich auftretenden, anhaltenden oder wiederkehrenden, meist einseitigen Schmerzen über schmerzlose Schwellungen bis hin zur Mitbeteiligung angrenzender Strukturen und Nerven reichen.
Bei einer auffälligen oder tastbaren Veränderung bzw. länger dauernden Beschwerden sollte ein HNO-Arzt aufgesucht werden. Mittels Anamnese und Untersuchung lässt sich bereits in vielen Fällen eine Diagnose stellen. Bei bleibenden oder wiederkehrenden Schwellungen kann eine Bildgebung, wie etwa ein Ultraschall oder eine MRT, zielführend sein. Speicheldrüsen haben eine Nahebeziehung zu wichtigen Strukturen und Nerven im Kopf-Hals-Bereich. So verläuft unter anderem der Gesichtsnerv (Nervus facialis) durch die Ohrspeicheldrüse und zweigt sich in dieser auf. Durch diese Nahebeziehungen können Speicheldrüsenerkrankungen unterschiedlichste Folgen haben.
Rechtzeitig erkannt lassen sich die meisten Speicheldrüsenerkrankungen gut therapieren. Abhängig von der Ursache können eine einfache Medikamentengabe bzw. den Speichelfluss anregende Maßnahmen (Lutschen von sauren Zuckerln oder Zitronen), die Darstellung der Speicheldrüsenausführungsgänge mit kleinen Kameras (Sialendoskopie) oder eine teilweise bzw. komplette Entfernung einer Speicheldrüse angezeigt sein. Bösartige Veränderungen der Speicheldrüsen sind selten, sollten aber auf jeden Fall immer ausgeschlossen werden.
Teil 2 — Der Speichelstein
Die 38-jährige Frau B. bemerkte seit wenigen Tagen immer nach dem Essen eine schmerzhafte und störende Schwellung am Hals rechts. Da sie unter den Schmerzen sehr litt, wurde sie bei ihrem Hausarzt vorstellig. Unverzüglich wurden eine Antibiotika-Kur und eine Schmerztherapie eingeleitet. Der Hausarzt wollte aber sichergehen und überwies Frau B. zur HNO-Ärztin.
Als Frau B. von der HNO-Ärztin untersucht wurde, waren die akuten Schmerzen bereits abgeklungen, aber die Schwellung bestand weiterhin. Es wurde ein Speichelstein in der Unterkieferspeicheldrüse (Glandula submandibularis) festgestellt. Speichelsteine (auch Sialolithiasis genannt) sind kleine, bis zu mehrere Millimeter große Steinchen und betreffen etwa 1 % der Bevölkerung. Am häufigsten sind Steine in den Unterkieferspeicheldrüsen zu finden, seltener in den Ohrspeicheldrüsen und sehr selten in den Unterzungenspeicheldrüsen. Diese Steine entstehen aus Bestandteilen des Speichels und können den Ausführungsgang teilweise oder komplett verlegen. Durch diesen Stau kommt es, wie bei Frau B., zu einer Schwellung der Speicheldrüse und manchmal auch zu einer akuten Speicheldrüsenentzündung. Typischerweise nehmen diese Schwellungen während des Essens zu. Selbstständig können eine Massage der Speicheldrüse von hinten nach vorne, reichlich Flüssigkeit und speichelfördernde Mittel (Sialagoga) wie etwa saure Zuckerln oder Zitronen einen spontanen Steinabgang fördern.
Da diese Maßnahmen bei Frau B. zu keiner Besserung geführt haben, wurde sie in die HNO-Ambulanz weitergeschickt. Bei der Untersuchung in der Ambulanz wurde mit dem Ultraschall festgestellt, dass sich der Stein bei Frau B. sehr tief im Gang gebildet hatte. Zunächst wurde eine Spiegelung des Ausführungsganges durchgeführt. Diesen Eingriff nennt man Sialendoskopie. Dabei wird mit einer Kamera das Gangsystem der Speicheldrüse dargestellt. Meist zeigt sich dabei bereits nach wenigen Zentimetern der Stein, welcher dann mit speziellen Fangkörbchen geborgen werden kann. Dieser Eingriff wird in Narkose durchgeführt. Bei Frau B. war der Stein jedoch zu groß, sodass noch während der Operation eine gezielte Eröffnung des Ausführungsganges durchgeführt wurde. So konnte der 8 mm große Stein problemlos geborgen werden.
In der Nachsorge zeigte sich Frau B. sehr zufrieden. Sie musste noch einige Zeit die speichelfördernden Maßnahmen fortführen, hatte aber sonst keine Beschwerden mehr.
Teil 3 — Tumor der Ohrspeicheldrüse
Dem 56-jährigen Herrn F. war beim Rasieren vor dem Ohr eine Erhabenheit aufgefallen. Schmerzen bemerkte Herr F. keine. Besorgt war er zunächst nicht, da die Schwellung manchmal größer und kleiner wurde. Erst als er seine Hausärztin darauf ansprach, wurde eine Abklärung eingeleitet und Herr F. zum HNO-Arzt geschickt. Dieser stellte den Verdacht auf einen Tumor in der linken Ohrspeicheldrüse (Glandula parotis) und veranlasste sofort eine Überweisung zum Radiologen.
In der Bildgebung bestätigte sich der Verdacht, worauf Herr F. an die nächste HNO-Ambulanz weiterverwiesen wurde.
In der HNO-Ambulanz wurde eine ausführliche Untersuchung im Kopf-Hals-Bereich durchgeführt. Auffällig war der in der Bildgebung beschriebene Tumor. Die Untersucher konnten einen etwa 2 cm großen, prall-elastischen und gut verschieblichen Knoten knapp vor dem Ohr tasten. Bei der Untersuchung der Ausführungsgänge der Speicheldrüse zeigte sich klarer Speichel. Herr F. hatte keine Schmerzen und konnte auf Aufforderung seitengleich Grimassen ziehen.
Aufgrund des unklaren Befundes (rasches Wachstum) wurde unmittelbar eine feine, ultraschallgezielte Nadelprobe unter lokaler Vereisung in der Ambulanz durchgeführt. Wenige Tage später wurde Herr F. zur Befundbesprechung einbestellt. Glücklicherweise konnte ihm mitgeteilt werden, dass es sich in erster Linie um einen gutartigen Tumor der Ohrspeicheldrüse handelt. Trotzdem wurde Herrn F. eine Operation empfohlen, da sich auch solche Tumoren mit der Zeit zu einem Krebs verändern können.
Nach ausführlicher Aufklärung wurde ein Operationstermin vereinbart. Als besonderes OP-Risiko wurde Herr F. über eine seltene, aber mögliche Verletzung des Gesichtsnervs (Nervus facialis) informiert. Der Gesichtsnerv verläuft auf beiden Seiten durch die Speicheldrüse und steuert die Gesichtsmuskulatur. Tumoren der Ohrspeicheldrüse liegen oft unmittelbar dem Nerven an, und die Schonung des Nervs ist neben der vollständigen Entfernung des Tumors die wichtigste Aufgabe für den HNO-Chirurgen.
Bei Herrn F. konnte der Tumor zur Gänze entfernt werden. Nach drei Tagen im Spital wurde er nach Hause entlassen. Bei der Nachsorgekontrolle lag das Ergebnis der pathologischen Untersuchung vor, und der ursprüngliche Befund (pleomorphes Adenom) konnte bestätigt werden. Weitere Nachkontrollen waren nicht mehr notwendig.
Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Gregor Heiduschka, MBA
Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie · stv. Klinikvorstand der HNO-Abteilung, AKH Wien / MedUni Wien
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